
Ein Kommentar von Nadin Natalie Arts
Beim EU-Mercosur-Abkommen gibt es zwei Arten von Kritik: die übliche, vorsichtige EU-Rhetorik, die ständig von „Balance“ und „Chancen“ und „Flankierungen“ spricht – und dann gibt es Länder, die sich trauen, es beim Namen zu nennen.
Ungarn gehört zu dieser zweiten Kategorie. Und genau diese Kante halte ich für notwendig.
Denn dieses Abkommen ist kein neutraler „Handelsfortschritt“. Es ist ein politisches Projekt, dass in der Praxis Gewinner produziert – und Verlierer einkalkuliert. Was mich positiv stimmt, ist nicht der Inhalt eines einzelnen Artikels, sondern das Muster: Ungarn ist nicht allein. Der Widerstand ist real, institutionell wirksam, und er kommt nicht aus irgendeiner Nische, sondern aus dem Kern Europas.
Das „Scheitern“ ist kein Unfall, sondern ein Warnsignal – und Ungarn nimmt es ernst
Ungarische Medien beschreiben die Verzögerungen im Dezember 2025 nicht als langweiligen Verwaltungsakt, sondern als handfesten politischen Einschnitt: Frankreich bremst, Italien schwenkt um, das Europäische Parlament verlangt zusätzliche Sicherheiten – Ergebnis: Vertagung.
Das ist nicht banal. Das ist das Eingeständnis, dass Mercosur politisch nicht konsensfähig ist, wenn es konkret wird. Und genau an diesem Punkt zeigt sich, wer noch politische Instinkte hat – und wer nur noch Floskeln verwaltet.
Ungarn gehört hier klar zu der ersten Gruppe: Man nimmt die Risiken ernst und hält dagegen – nicht weich, nicht diplomatisch, sondern mit ein wenig Druck – zu Recht.
Ungarns Ablehnung ist klar, frontal und nachvollziehbar
Während EU-Institutionen gerne in Nebelwörtern sprechen, formuliert Ungarn den Kernkonflikt so wie er tatsächlich ist: Mercosur bedroht Landwirte und Versorgungssicherheit.
Der ungarische Agrarminister Nagy István benennt das ohne Umwege: Ungarn lehne das Abkommen ab, weil es die Existenz der Landwirte gefährde und damit die sichere Lebensmittelversorgung aufs Spiel setze. Diese Position ist nicht „laut“, weil Ungarn gerne laut ist. Sie ist laut, weil das Thema substanziell ist. Wer die Landwirtschaft destabilisiert, destabilisiert Regionen, Preise, Versorgung und am Ende die politische Ordnung. Ungarn sagt das offen – und ich halte diese Offenheit für richtig und notwendig.
Der entscheidende Punkt: Mercosur ist ein Industrie-Deal – Landwirtschaft ist Verhandlungsmasse
Ungarische Medien bringen (teils unfreiwillig) die Struktur auf den Punkt. Für manche Länder ist Mercosur attraktiv, weil ihre Industrie davon profitiert – für andere ist es eine rote Linie, weil ihre Landwirtschaft verliert.
Das linksorientierte, in Opposition zur der derzeitigen ungarischen Regierung stehende Portal 24.hu beschreibt das ganz offen: Deutschland sieht Vorteile, insbesondere für die Autoindustrie – Frankreich sieht Risiken für die Landwirtschaft. Genau hier liegt die Unverschämtheit des Projekts. Man verkauft es als „strategischen“ Fortschritt, obwohl es praktisch bedeutet, dass eine zentrale Branche in Europa unter massiven Druck geraten kann – und zwar nicht zufällig, sondern als Preis des Deals.
Das linksaußen angesiedelte, von Soros finanzierte Portal Telex zeigt gleichzeitig die PR-Schicht darüber: geopolitischer Hebel, Signal gegen China, wirtschaftlicher Schub. Das klingt großartig, ist aber häufig nur die elegante Verpackung für eine harte Wirklichkeit. Der Deal muss moralisch überhöht werden, weil er im Alltag zu viele Verlierer erzeugt.
Und hier greift Ungarns Kante: sie verhindert, dass man aus einem Interessenskonflikt eine Heilslehre macht.
Was mich positiv stimmt – das EU-Parlament wirkt – und zwar hier gegen Durchmarschlogik.
Der Punkt an dem viele noch nicht verstanden haben, was passiert: Das Europäische Parlament ist nicht nur Kulisse, Ungarische Quellen belegen, dass das EP real bremst, weil es zusätzliche Sicherheiten fordert.
Telex berichtet explizit, dass das EP strengere Sicherheiten will – also Schutzmechanismen, bevor so ein Abkommen weiterverläuft. 24.hu zeigt, dass diese Forderung praktisch-politisch relevant war und ist und auch zur Vertragung beigetragen hat.
Und es bleibt nicht nur bei Symbolik. EU-Institutionen haben sogar Regeln/Mechanismen auf den Weg gebracht die schnelle Schutzmaßnahmen ermöglichen sollen, wenn Mercosur-Importe EU-Landwirten schaden oder zu schaden drohen.
Das ist ein entscheidender Punkt, den man nicht weichzeichnen darf. Schutzklauseln sind das offizielle Eingeständnis eines Risikos.
Wenn ein Deal in der Theorie so großartig wäre, müsste man keine Notbremse nutzen. Die Notbremse sagt: „Wir wissen, dass es knallt.“
Ungarn ist nicht isoliert, dass macht die Kante so wertvoll. Die typische Abwehrreaktion gegen Ungarn lautet: „Das ist wieder Budapest, die machen immer Ärger“.
Das Problem in dieser Sicht, dass es nicht der Wahrheit entspricht.
Frankreich bremst, Italien schließt sich an. Das ist nicht der Rand, dass ist EU-Schwergewicht. Dazu kommen Bauernproteste, politischer Druck, die EP-Linie der Absicherung.
Euronews.hu beschreibt diese Gemengelage als „finisben“ nach 25 Jahren, aber genau mit dem Hinweis, dass der Widerstand politisch relevant bleibt und die Geduld der Gegenseite belastet ist. Es zeigt, dass Ungarn Gegenlauf kein Solo ist.
Und ja, ich finde Ungarns Kante gut – aus drei sachlichen Gründen:
Ungarn benennt das Problem und verschleiert es nicht. „Landwirtschaft und Versorgungssicherheit zuerst“ ist eine harte Priorität – aber eine legitime, auch wenn dies gewissen Akteuren in Brüssel missfällt.
Es ist ein notwendiges Gegengewicht zur EU-PR Maschine. Telex zeigt das geopolitische Storytelling der Befürworter. Ungarn zwingt die Debatte zurück auf die reale Frage: Wer zahlt den Preis?
Und zu guter Letzt: In diesem Fall bedeutet Verzögerung auch Demokratie. Wenn EP und Staaten blockieren können, ist das kein EU-Versagen, sondern institutionelle Selbstkontrolle. Dies steht jedem Staat zu.
Mercosur ist ein Abkommen, dass politisch nur dann „funktioniert“, wenn man Landwirtschaft und regionale Stabilität als verhandelbaren Kollateralschaden betrachtet. Ungarn akzeptiert diese Logik nicht und das ist auch gut so.
Was mich optimistisch stimmt, ist nicht irgendein Narrativ, sondern der Fakt, dass Widerstand Wirkung zeigen kann. Und so lange das so bleibt, ist noch nicht entschieden, dass Industrieinteressen automatisch über Versorgungssicherheit, Landwirtschaft und demokratische Kontrolle triumphieren.
Quellenverzeichnis:
Tichys Einblick
- EU-Parlament / Mercosur – Kolumne
Ungarische Medien
- 24.hu: Vertagung, Italien kippt, EP fordert Sicherheiten
- Telex: EP will strengere Sicherheiten
- Euronews (HU): EU–Mercosur nach 25 Jahren „finisben“ / politischer Druck
- (Regierungs-/Agrarlinie): Aussagen Nagy István zur Ablehnung
